Ich will aber

Mir hängt das ständige Genörgel der Medien über rücksichtslose Zeitgenossen die Rettungskräfte behindern und aggressiv gegen Polizisten, Ärzte, Pflegepersonal, Lehrer, … (Liste bitte selbst ergänzen) sind zum Hals heraus. Sich darüber zu wundern ist fast so, als wenn ich einen Hammer fallen lasse und dann anfange zu zetern, dass er heruntergefallen ist und meinen Zeh lädiert hat.

Man kann das jeden Tag im Straßenverkehr beobachten. Da wird rücksichtslos mit Vollgas abgebogen, obwohl ich von Vorne komme, Vorfahrt nicht gewährt, brutal überholt, usw. Wenn ich jemanden winke, dass er durchaus vor fahren kann dann ernte ich ungläubiges Staunen. Meine ich das Ernst, oder fahre ich ihm dann rein, wenn er abbiegt? Nein, ich meine das Ernst, es ist mir egal, wenn ich 20 Sekunden dadurch verliere. Für Andere ist das mittlerweile eine Katastrophe.

Wie kam es dazu, dass unsere Gesellschaft derartig aggressiv geworden ist? Unterhalte ich mich mit Händlern, erzählen diese genau das Gleiche. Kunden die ausflippen, wenn sich der Paketdienst verspätet, oder ihrer Ansicht nach ein Fehler passiert ist.

Alles verschiedene Seiten der selben Medaille. Aber anstatt nach den Ursachen zu fragen liest man überall nur, wie schlimm das ist und wie unmöglich sich manche Menschen verhalten. Unbestritten ist, dass sie Gesellschaft in den letzten 15 Jahren eine deutliche Tendenz zur Verrohung hat und Empathie allerorts immer mehr zum Fremdwort wird. Aber das hat einen Grund. Ein Blick auf die Realitäten der Arbeitswelt macht das schnell klar. Der Leistungsdruck hat im selben Maße zugenommen wie die Verrohung der Sitten. Wir bekommen von der Schule an mittlerweile beigebracht, das Leistung und besser sein als Andere uns einzig und alleine weiterbringt. Empathie, Rücksicht und Mitgefühl bringen uns weder eine Gehaltserhöhung noch gute Noten. Dafür werden wir jetzt in einem Maße überwacht, gegängelt und bespitzelt, wie es noch vor 25 Jahren völlig undenkbar gewesen wäre. Lese ich heute 1984 von George Orwell dann ist seine Schreckensvision aus den 50ern heute nahezu naiv und lächerlich. Die Realität hat das Buch in nahezu jedem Punkt überholt. Zwar ist es noch nicht verboten sich einen Partner zu suchen wie es einem gefällt, aber sonst? Ständig wechselnde Feindbilder und Blöcke, Kriege mal hier mal da ohne wirklichen Sinn, Kameras an jeder Ecke, Trecking aller Dinge die Datenspuren hinterlassen. So weit hat die Phantasie des Britischen Autors damals nicht gereicht wie es mittlerweile Realität geworden ist.

Die Folgen sind das, was die Medien derzeit so bitter beklagen. Hat der überwachte, gegängelte Mensch endlich mal frei und will sich etwas von seinem so schwer verdienten Geld kaufen verliert er sofort die Nerven, wenn etwas nicht so funktioniert wie er sich das vorstellt. Eine längere Wartezeit, sei es am Flughafen, auf der Straße wegen eines Unfalls, oder auf den Paketboten ist nicht tolerabel. Denn der Chef toleriert es ja ebenfalls nicht, wenn die Arbeit mal etwas länger liegenbleibt. Ist man krank erwartet die Firma die möglichst sofortige Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit, aber die Realität im Gesundheitswesen ist eine Andere, da geht überhaupt nichts schnell, bis auf das Versenden von Rechnungen.

Deshalb entwickelt sich unsere Gesellschaft immer weiter in die Richtung des Kindergartens, wo das weinende Kind brüllt „Ich will aber!“ Denn den Meisten gelingt eine Trennung von Arbeit und Privatleben kaum noch. Also wird der Leistungsdruck und der Zwang zur Produktivität mit in den privaten Alltag genommen, mit den oben beschriebenen Folgen. Der Untertan 2.0, nur das der Druck kaum noch in der Familie weitergegeben wird, da diese immer weiter an Bedeutung verliert, sondern an Wildfremden abgearbeitet wird. Fahren sie mal auf die Schnellstraße, nach 5 Minuten werden sie feststellen das ich Recht habe.

Warum nur wird das nirgendwo ausgesprochen? Anscheinend ist der Leistungsdruck so sakrosankt wie die Kirche in den letzten 1500 Jahren. Wir sind alle dazu auserkoren 2% der Bevölkerung noch reicher zu machen, also lebt mit den Folgen. Widerlich!

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