Chaos aus dem Nichts

Es herrscht Fassungslosigkeit allerorts wegen der Ausschreitungen in Stuttgart. Diese „kamen aus dem Nichts“ oder? Dabei ist es noch gar nicht lange her, da passierte ähnliches in Dietzenbach. Zumindest die Offenbach Post vermutet hier einen Zusammenhang mit dem Corona Lockdown. Während Cem Özdemir fabuliert: „Wir haben es insgesamt mit einer Verrohung zu tun, der Umgangsformen, der Gewalt, die angewendet wird“ sieht ein Dietzenbacher Sozialarbeiter das anders: „Auch Peter Amtrein, Fachbereichsleiter Sozialer Dienste, sieht zwischen dem Zeitpunkt und der Tat einen Zusammenhang. Es sei kein Zufall, dass sich die Attacke gegen Ende des Lockdowns ereignete. Die Bewohner des kulturell diversen Spessartviertels hätten während der Corona-Zeit keinerlei Entlastungsmöglichkeiten wie Privatflächen oder Gärten gehabt. Sie wären mit ihren Problemen allein gelassen worden.“

Unsere Politiker wären gut beraten einmal „Illuminatus“ von Robert Shea und Robert A. Wilson zu lesen. Dieser nicht ganz ernst gemeinte Verschwörungsklassiker aus den Achtzigern beschäftigt sich unter anderem mit „der Gesellschaft“ an sich und ihren Mechanismen. Feinfühlig beobachten die Autoren was Nuancen für Auswirkungen haben. Da gibt es einem kleinwüchsigen Anarchisten der den Betriebsfrieden stört in dem er Verbotsschilder so umformuliert, dass sie zwar dasselbe aussagen, aber als Affront angesehen werden. Eine Kunst die ein amtierender US-Präsident perfektioniert hat. Überhaupt, kann man die Ereignisse in Amerika vielleicht sogar in eine Linie mit Stuttgart setzten?

Glaubt man der Gesellschaftstheorie von „Illuminatus“, dann ja. Der Roman beschreibt eine Gesellschaft als gigantische Membran. Die, wenn sie gedehnt wird irgendwann zurückschwingt. Beobachtet man die derzeitigen Ereignisse, dann bin ich geneigt dieser Theorie zu glauben. Nach Wochen der Selbstbeschränkung und Isolation schwingt die Membran nun zurück. Ein winziger Funke genügt um gewaltige Entladungen hervor zu rufen.

Vielleicht ist das sogar gut so. Politiker neigen dazu, dass wenn etwas funktioniert immer weiter zu machen. Nach Monaten der funktionierenden Einschränkungen und der „Vernunft“ laufen wir Gefahr, dass die Herrschenden daraus ein „Gewohnheitsrecht“ ableiten. Natürlich war der Lockdown vernünftig, er hat uns tausende Tote erspart, aber das bedeutet nicht, daß gleichzeitig alles Andere was die Politik so vorhat auch vernünftig ist. Da die rigiden Maßnahmen in Pandemie Zeiten funktioniert haben, könnte manch einer auf die Idee kommen, das da mehr geht.

Wenn ich mir ansehe was in der Welt im Rahmen der Pandemie passiert ist, kann man heute schon zwei Schlüsse ziehen die mir wichtig erscheinen. Erstens: Populistische Regierungen sind nicht dazu geeignet eine Krise zu meistern. Die Faustformel lautet, je populistischer eine Regierung um so mehr Tote hat das Land zu verzeichnen. Zweitens: Menschen mit einem Weltbild das der allgemein wahrgenommenen Realität widerspricht sind weitaus weniger in der Lage sich sozial zu verhalten und sich mit Ihren Mitmenschen zu solidarisieren.

Doch wie passt das zur oben erwähnten Membran Theorie? Eigentlich gut. Definiert man diese Membran als gesellschaftlichen Konsens, dann wird klar wo das Problem liegt. Je stärker der Konsens einer Gesellschaft ist, desto weniger ist die Gesellschaft anfällig für solche Ausschläge. Wird dieser Konsens durch populistische Bestrebungen gespalten, desto stärker „vibriert“ die Membran. Länder wie England oder Amerika merken das derzeit besonders stark. In beiden stehen sich zwei nahezu gleich große Machtblöcke gegenüber. Die Einen unterstützen die Populisten, die Anderen nicht. Dann genügt ein Funke und da ganze beginnt zu explodieren. In der USA jetzt, in England etwas später. Denen steht das Schlimmste noch bevor, wenn zu der Corona Wirtschaftskriese auch noch der „No deal“ Brexit folgt.

Was aber bedeutet das für Deutschland? Sind Dietzenbach und Stuttgart Alarmsignale? Wahrscheinlich schon. Denn auch hierzulande bröckelt der gesellschaftliche Konsens an vielen Stellen. Das Weltbild der Politik und der Bürger entfernt sich nach wie vor voneinander. Auch wenn Corona die Zustimmungswerte der Regierenden verbessert hat. Aber das zeigt mir deutlich, dass der Bürger die Nase voll von Scheinpolitik und populistischen Manövern hat. Hinter den Corona Maßnahmen stand ausnahmsweise einmal keine Parteitaktik und keine Lobbisten Arbeit, sondern Wissenschaft und Vernunft.

Vielleicht ist das die Lehre die wir aus dem Krise ziehen sollten. Den Bürgern mehr Freiheiten gewähren wo es nicht notwendig ist sie einzuschränken und politischen Maßnahmen nur noch aufgrund von Vernunft und Wissenschaft treffen. Aber ich muss selbst schmunzeln, wenn ich das lese. Wir werden wohl zu Status Quo zurückkehren und unsere Polizei stärker bewaffnen. Und uns an Vorfälle wie Dietzenbach und Stuttgart gewöhnen müssen.

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