{"id":95,"date":"2015-12-08T12:52:00","date_gmt":"2015-12-08T12:52:00","guid":{"rendered":"http:\/\/epub-verlag.de\/wordpress\/?p=95"},"modified":"2021-11-17T12:53:16","modified_gmt":"2021-11-17T12:53:16","slug":"die-grenzen-der-menschlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/epub-verlag.de\/wordpress\/politik\/die-grenzen-der-menschlichkeit\/","title":{"rendered":"Die Grenzen der Menschlichkeit"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein paar Minuten vor Mitternacht klingelt das Telefon. Kein sch\u00f6ner Ton, wenn man geliebte Menschen im Krankenhaus wei\u00df.&nbsp; Bis ich das Ger\u00e4t erreicht habe ist die Leitung wieder tot. W\u00e4hrend ich meine Brille suche um die R\u00fcckruffunktion zu finden, klingelt mein Handy. Das finde ich grade noch rechtzeitig und melde mich abgehetzt. Es ist die Notfall Ambulanz eines der hiesigen Krankenh\u00e4user. Ob ich derjenige sei der als Notfallnummer notiert sei, fragt die strenge Stimme einer Verwaltungs-Krankenschwester. Nach Luft ringend stammele ich ja\u2026 ein Todesfall schie\u00dft es mir durch den Kopf. Doch die Stimme am Telefon ist nicht gewillt Fragen zu beantworten, denn Sie hat selber welche. Wer darf im Notfall entscheiden, gibt es eine Patentenverf\u00fcgung, kann ich diese sofort herbringen, etc., etc. Ich werde langsam unwirsch und verlange, in noch h\u00f6flichen Ton, \u00fcber die Art des Notfalls unterrichtet zu werden. Die Antwort ist medizinisch und fachlich ersch\u00f6pfend, sie lautet lapidar: Dem Patienten geht es schlecht. Ok denke ich, eine nicht besser werdende Herzerkrankung mit Nieren Insuffizienz und daraus resultierend Wasser in der Lunge ist wirklich nicht sch\u00f6n, aber dieser Zustand ist bereits ein ganze Weile so. Jedem in der Familie ist klar, dass dieses Krankheitsbild ob kurz oder lang zum Tode f\u00fchren wird, aber mir erschloss sich immer noch kein Notfall, der mich Nachts fast 30 Km weit \u00fcber gefrorene Landstra\u00dfen zum Krankenhaus gerufen h\u00e4tte. Die Kinder schliefen und ich musste Sie morgens zu ihren Lerneinrichtungen fahren und so etwas wie Arbeit wartete leider auch auf mich. Ich versuchte es daher noch einmal den Notfall zu hinterfragen. Aber da kam nichts au\u00dfer einer Wiederholung der bereits getroffenen Aussage. Jetzt reichte es mir langsam und ich hinterfragte offensiv was der Grund f\u00fcr die n\u00e4chtliche Eile sei. Die Frau wurde noch ausweichender, es k\u00f6nnte eine Embolie sein, oder ein erneuter Herzinfarkt, ob ich denn eine Behandlung w\u00fcnschte. Langsam ging mir ein Licht auf und ich teilte der Dame ausgesprochen deutlich mit, dass ein Krankenhaus wohl f\u00fcr die Behandlung kranker Menschen zust\u00e4ndig sei und sie gef\u00e4lligst ihren Job erledigen sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Mittag, die Kinder waren in der Schule, die Kollegen informiert und laufende Arbeiten \u00fcbergeben, machte ich mit den geforderten Papieren auf den Weg in das Krankenhaus. Dort angekommen bekam ich erst einmal einen Platz auf der Strafbank. Wer nicht kommt wenn die es wollen, der wartet bis sie es wollen. Doch so einfach ist mir nicht beizukommen, da die Krankengeschichte schon l\u00e4nger andauert, habe ich \u00dcbung und Sitzfleisch entwickelt im Umgang mit Krankenhaus \u00c4rzten. Irgendwann wurde ich dann doch gn\u00e4dig vorgelassen. Der \u00fcbliche Schn\u00f6sel in wei\u00df empfing mich und begann unverz\u00fcglich mich zu verh\u00f6ren. Was ich f\u00fcr ein Verh\u00e4ltnis zu dem Patienten h\u00e4tte, warum ich es gewagt hatte Behandlung zu fordern, was f\u00fcr ein Leben der Patient f\u00fchrte, zu welchen Aktivit\u00e4ten er denn noch f\u00e4hig w\u00e4re. Meine dunkele Ahnung wurde langsam zu Gewissheit. Der Automechaniker erkl\u00e4rt seinem technisch ahnungslosen Kunden grade, das sich eine Reparatur nicht mehr lohnt und das verschrotten die g\u00fcnstigere Alternative w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Als n\u00e4chstes begann der \u201eArzt\u201c die Aussichten des Patienten in schw\u00e4rzesten Farben zu malen, bis ich ihm r\u00fcde das Wort abschnitt. Denn das war das dritte Mal, dass ein Arzt mir erkl\u00e4rte, das keine Hoffnung bestehen w\u00fcrde und in den n\u00e4chsten zwei bis drei Tagen alles zu Ende gehen w\u00fcrde. Dumm nur, das die erste Diagnose dieser Art bereits fast drei Jahre zur\u00fcck liegt und der Patient zwanzig Jahre vorher bei einer Krebserkrankung schon einmal genau das Gleiche zu h\u00f6ren bekam. Genau das war meine Antwort und ich fragte den \u201eMechaniker\u201c warum er dieses Gespr\u00e4ch eigentlich mit mir f\u00fchrte und nicht mit dem Patienten. Der sei ja gestern bei der Einlieferung nicht ansprechbar gewesen, weshalb sie erst einmal Behandeln h\u00e4tten m\u00fcssen, war die an Unmenschlichkeit nicht zu \u00fcberbietende Antwort. Der Mann hatte Gl\u00fcck, das ich im Alter ruhiger geworden bin, zwanzig Jahre vorher w\u00e4ge ich ihm an den Kargen gegangen f\u00fcr seine \u201enette menschliche Art.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unser Gesundheitswesen, aber ganz besonders die Krankenh\u00e4user sind ein verrohter, zynischer Mikrokosmos. Ein schonungsloses Abbild unserer Gesellschaft, das uns vor Augen f\u00fchrt wie unmenschlich diese mittlerweile ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Behandlung eines alten und kranken Menschen ist einer Kosten- Nutzen Abw\u00e4gung gewichen, bei der der Wille des Patienten keinerlei Rolle mehr spielt. Eine offene verst\u00e4ndliche Diagnose und ein vertrauliches Arzt Patienten Gespr\u00e4ch ist im Krankenhaus ja noch nie zu erwarten gewesen, aber mich aus dem Bett zu klingeln und dann zu versuchen, dass ich binnen zwei Minuten ein Urteil \u00fcber Leben und Tod F\u00e4lle und das \u00fcber einen Menschen, der noch \u00fcberwiegend bei klarem Verstand ist, ist einfach ohne Worte. Verstehen Sie mich nicht falsch liebe Leser, ich w\u00fcrde gerne selbstbestimmt sterben d\u00fcrfen wenn ich denken sollte, dass ich nicht &nbsp;noch mehr Maschinen- Medizin brauche. Aber diese Entscheidung m\u00f6chte ich GANZ ALLEINE treffen d\u00fcrfen. Was ist das f\u00fcr eine Welt, in der sich pflegende Angeh\u00f6rige, ihrer zur Last gewordenen Verwandten mit einem Satz um Mitternacht am Telefon entledigen k\u00f6nnen. Werden wir bald solche S\u00e4tze h\u00f6ren wie: \u201eOch der ist sowieso jetzt unproduktiv, der kann weg.\u201c Ist es das worauf wir hinsteuern? Die die fr\u00fcher ihre Arbeit losgeworden sind und damit Arbeitslosengeld beziehen durften, die erhalten jetzt ein Almosen namens Harz 4, statt Unterst\u00fctzung. Werden als n\u00e4chstes die Kosten im Gesundheitssystem gedeckelt in dem eine Art Gesundheits- T\u00dcV eingef\u00fchrt wird? Lohnt nicht mehr, kann weg? Mir schaudert es bereits bei dem Gedanken. Aber wer jetzt glaubt, das k\u00f6nnte nicht geschehen, der hat im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst. Vor gar nicht langer Zeit haben die Nazis \u201eUnwertes Leben\u201c definiert und unheilbar Kranke und Behinderte reihenweise umgebracht. Das erschien den Menschen dieser Zeit logisch, denn sie glaubten an die sogenannte \u201eRassenlehre\u201c und an solche f\u00fcrchterlichen Phrasen wie \u201edie Reinerhaltung des Erbguts\u201c und das nicht nur in Deutschland. Amerika h\u00e4tte \u00e4hnliche Gesetzte zu dieser Zeit, es wurde nach Herzenslust zwangssterilisiert, weggesperrt und get\u00f6tet im Namen der \u201eVolksgesundheit\u201c. Heute ist es in unserer Gesellschaft normal das nur der z\u00e4hlt der produktiv ist. Wir sind alle vom Arbeiter und Angestellten zu \u201ehuman ressources\u201c, mutiert Ressourcen die nun einmal irgendwann ersch\u00f6pft sind. Dann scheint es gef\u00e4hrlich zu werden, wie ich grade erfahren habe.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein paar Minuten vor Mitternacht klingelt das Telefon. 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